Loben als Herrschaftszynismus (S. 80-82)
»Und wie ist es dir gelungen, ihn fertig zu machen?« »Durch Lob …« (E. Kishon)
Schon Abraham Lincoln formulierte für Führungshandbücher: »Wir sind alle für Komplimente empfänglich, das stimmt. Wir wollen alle Anerkennung, und zwar Anerkennung, die von Herzen kommt, und finden sie doch allzu selten. Alle Menschen haben einen nagenden, nie stillbaren Hunger danach. Aber nur die wenigen, denen es tatsächlich gelingt, diesen Hunger anderer zu stillen, nur diese ganz wenigen haben eine wirkliche Macht über die Menschen, und wenn ein solcher Mann stirbt, dann trauert sogar der Leichenbestatter.« Lincolns Sätze: Man muss sie sehr genau lesen. Dann erschließt sich die eigenartige Spannung des Themas, das einen Bogen spannt von einer Anerkennung, die »von Herzen kommt«, zu einem Bedürfnis, das »Macht über Menschen« heißt. Eines vorweg: Dieses Kapitel richtet sich vor allem an »fortgeschrittene « Führungskräfte. Wenn ich in manchen Punkten dieser Analyse von einigen Hardlinern unterstützt werde, so kann ich nur versichern, dass mir jede Einigkeit mit ihnen zutiefst unerwünscht ist.
Grundbedürfnis nach Zuwendung
Dass der Mensch nicht vom Brot allein lebt, ist lange bekannt. Vor allem auf Anerkennung kann kein Mensch verzichten, wenn er nicht unsicher, verbittert und unglücklich werden will. Selten können wir davon genug bekommen, ja, nicht wenige Menschen sind gleichsam »wandelnde Anerkennungsdefizite«, weil sie selbst und die Menschen um sie herum oft so sparsam damit umgehen. Aus allen Ritzen ihres Daseins saugen sie dieses wärmende Gefühl der Zustimmung.
Das Grundbedürfnis nach Zuwendung und Anerkennung ist insbesondere von der Kinderpsychiatrie immer wieder untersucht worden. René A. Spitz hat, wie andere Forscher vor ihm, darauf hingewiesen, dass Säuglinge ohne Zuwendung durch Körperberührung, Gehaltenwerden und zärtlichen Stimmenklang selbst unter sonst günstigen Lebensumständen degenerieren, krankheitsanfällig werden und sogar sterben können. Dies ganz im Gegenteil zu solchen Kindern, die unter sonst ungünstigen Umständen (unhygienisch, unterernährt) an der Seite zugewandter Kontaktpersonen aufwachsen.
Das Kleinkind, das noch wenig Maßstäbe für sein Tun und Lassen hat, braucht nach vorherrschender Lehrmeinung das Lob seiner Eltern dringend als Richtschnur seines Handelns. Dies bleibe hier undiskutiert, Lob für Kinder ist heute nur allzu oft die Fast-Food-Zuwendung der Zeitmangel-Generation. Sicher ist, dass Kinder, wenn sie denn keine positive Zuwendung bekommen, sich diese auf irgendeine Weise negativ holen. Mit anderen Worten: Ein Kind, dem keine oder nur ungenügend positive Zuwendung zukommt, holt sich lieber böse Worte und Blicke oder sogar Schläge, als dass es gar keine Beachtung findet. Dieser Reflex scheint gut zu funktionieren, wie in einer britischen Studie festgestellt wird: Danach »ernten« britische Kinder täglich durchschnittlich 412 negative Bemerkungen, aber nur 37 positive!
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