Kapitel 1 (Seite 15)
»Free« kommt auf die Welt
Da gibt es keine Ausflüchte: Gelatine wird aus Knochen und Bindegewebe hergestellt. Gelatine ist nichts anderes als diese durchsichtige, zähflüssige Substanz, die sich beim Kochen von Fleisch oben am Topf absetzt. Doch wird eine ausreichende Menge von diesem Glibberzeug gereinigt und mit Farb- und Geschmacksstoffen versehen, entsteht etwas ganz anderes: Jell-O, die Basis für Wackelpudding, Götterspeise und andere leckere Desserts. Das hübsch verpackte, saubere Pulver hat rein gar nichts mehr mit den Schlachtabfällen zu tun, aus denen es gewonnen wird.
Heutzutage macht sich wohl nur noch eine Hand voll Menschen Gedanken über den Ursprung von Gelatine. Doch Ende des 18. Jahrhunderts war das noch ganz anders: Wem der Sinn nach einer wackeligen Süßspeise stand, dem blieb nur die harte Tour. Man gebe Knochenstücke in einen Schmortopf und lasse das Ganze einen halben Tag vor sich hin köcheln, bis sich das Kollagen vom Knorpel abspaltet.
Im Jahr 1895 saß Pearle Wait an seinem Küchentisch und stocherte in einer Schüssel mit Gelatine herum. Der Zimmermann, der nebenberuflich Medikamentenverpackungen herstellte, hatte den Traum, in das damals brandneue Geschäft mit gebrauchsfertig verpackten Lebensmitteln einzusteigen, und für ihn war Gelatine ein vielversprechendes Produkt. Wenn er nur wüsste, wie man es ansehnlicher gestalten könnte. Für die Leimmacher war Gelatine schon jahrelang ein Nebenprodukt der Kadaververwertung, beim amerikanischen Verbraucher aber war sie alles andere als populär. Und das aus gutem Grund: Die Herstellung von Gelatine war mit einem erheblichen Aufwand verbunden, und was bei all der Schinderei herauskam, war nicht gerade beeindruckend.
Wait fragte sich, ob es eine Möglichkeit gebe, Gelatine an den Geschmack der breiten Massen anzupassen. Auch der Erfinder des Herstellungsprozesses von Gelatine, Peter Cooper (Gründer von Cooper Union) hatte schon versucht, abgepackte, unbehandelte und nicht mit Geschmacksstoffen versehene Gelatine an die Frau zu bringen, und verließ sich, wie andere auch, in seiner Verkaufsstrategie ganz auf das Argument, so sei das Produkt am flexibelsten, und die Köche könnten es ganz nach Belieben würzen und verwenden. Doch Waits war davon überzeugt, dass sich Gelatine in verschiedenen Geschmacksrichtungen besser verkaufen würde, und fügte ihr Fruchtsäfte, Zucker und Farbstoffe bei. Zunächst war das Produkt in den Geschmacksrichtungen Orange, Zitrone, Himbeere und Erdbeere erhältlich, sah ansehnlich aus und roch und schmeckte lecker. Mit diesem farbenfrohen und leichten Etwas konnte man nach Herzenslust spielen. Um die Assoziation mit Abfallprodukten aus dem Schlachthof endgültig zu kappen, gab Waits Frau May dem neuen Produkt den Namen Jell-O. Nun musste nur noch die Verpackungsfrage geklärt werden, und dann wollte das Paar mit dem Verkauf durchstarten.
Doch das Produkt verkaufte sich nicht. Die Verbraucher aus der Zeit der Jahrhundertwende kannten weder ein solches Produkt noch die Marke. Die damaligen Kochmethoden und Rezepte stammten noch aus der Zeit Königin Victorias, als jedes Nahrungsmittel seinen angestammten Platz hatte. Niemand wusste so recht, ob man Jell-O zum Salat geben sollte oder ob es sich um ein leckeres Dessert handelte.
Zwei Jahre lang versuchte Wait, das Interesse der Verbraucher an Jell-O zu wecken – mit mäßigem Erfolg. 1899 hatte er schließlich genug und verkaufte die Handelsmarke – Name, Bindestrich und alles – an den Kaufmann Orator Frank Woodward zu einem Spottpreis von 450 US-Dollar.
Woodward war der geborene Verkäufer und zur rechten Zeit am rechten Ort. LeRoy war im 19. Jahrhundert so etwas wie die Brutstätte von Handelsvertretern und Krämern und bekannt für die Fertigung von patentrechtlich geschützten Medikamenten. Woodward brachte Wundermittel und Heiltränke ebenso unters Volk wie Originalpflastersteine aus Paris. Er vertrieb Zielscheiben aus Gips an Scharfschützen und erfand ein Hühnergelege, das mit einem Anti-Lauspulver bestreut war.
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